Das Marollen-Viertel und seine Geheimnisse

Das Marollen-Viertel und seine Geheimnisse

Die Marollen sind Teil des historischen Brüsseler Stadtzentrums. Berühmt ist das Viertel insbesondere für seinen Flohmarkt auf dem Place du Jeu de Balle, seine Antiquitätenhändler und sein folkloristisches Kulturerbe. Und doch kennt kaum jemand die kleinen Geheimnisse dieses charmanten Viertels, in dem sich die Brüsseler Seele vollkommen ungeschminkt offenbart.

Unterhalb des imposanten Justizpalastes erstreckt sich das volkstümliche Viertel mit seinen Bewohnern – den „Marollianern“. In der Tat ist das Marollen-Viertel ein fröhlicher und multikultureller Flickenteppich, der für seine lebenslustigen und eigenwilligen Bewohner bekannt ist. Seine Gassen stecken voller Geschichte(n) und haben im Laufe der Zeit wahrscheinlich 1001 kleine und große Revolten erlebt. Obwohl eine gewisse Tendenz zur Gentrifizierung besteht, bleiben Folklore und Volkstümlichkeit weiterhin sehr präsent und so regiert an den Tresen der typischen Cafés und Schenken bis heute der typisch Brüsseler „Zwanze“-Humor mit seiner Mischung aus Selbstironie, Bescheidenheit und Spöttelei. Wir haben für Sie ein paar besondere Orte und Anekdoten zusammengestellt: die Cité Hellemans, das Denkmal für die Lebenden von Maurice Wolf, den Luftschutzbunker am Place du Jeu de Balles, die Schlacht der Marollen und den legendären Technoclub Fuse.

  • Die Siedlung „Cité Hellemans“

    Im 19. Jahrhundert wurden in Brüssel tiefgreifende städtebauliche Veränderungen vorgenommen, die zur massenhaften Enteignung armer Bevölkerungsschichten führten. In Brüssel gab es seinerzeit eine ganz Reihe extrem dicht besiedelter Stadtviertel mit hygienisch fragwürdigen Lebensbedingungen. Die Sackgassen zwischen der Rue Haute und der Rue Blaes waren eines der flagrantesten Beispiele. Tausende von Menschen lebten eingepfercht in beengten Unterkünften, ohne fließendes Wasser und mit kaum funktionierenden Gemeinschaftslatrinen.  Die Stadt Brüssel beschloss daraufhin, diesen Teil der Marollen zu sanieren und gleichzeitig Unterkünfte für die Ärmsten bereitzustellen. Verantwortlich für dieses Projekt war der Architekt und Stadtplaner Emile Hellemans (1853-1926). 1915 wurde die Siedlung „Cité Hellemans“ eingeweiht: 272 Sozialwohnungen, jeweils mit Küche/Esszimmer, ein, zwei oder drei kleinen Schlafzimmern, Balkon, Toilette und Zugang zu fließendem Wasser. Ein bis heute bemerkenswertes architektonisches Ensemble, das sichtbar vom Jugendstil beeinflusst wurde.

    Das „Denkmal für die Lebenden“ von Maurice Wolf

    Im Schatten des Justizpalasts, in der Rue du Faucon, steht ein Denkmal, das ganz wunderbar den seit jeher rebellischen Geist der Marollen-Bewohner zum Ausdruck bringt: das Monument für die Lebenden. Anstatt die Toten zu feiern, ehrt dieses Basrelief die Lebenden, die Lebensfreude und die irdischen Genüsse. Es wurde von dem Bildhauer Maurice Wolf erschaffen, der sich von dem Gemälde Der Tanz der Bauern im Freien von Pieter Bruegel dem Älteren (1525-1569) inspirieren ließ. Gleichzeitig kann das Denkmal vielleicht auch als späte Hommage an die im Zuge des Baus des Justizpalastes enteigneten Bewohner verstanden werden. Es wurde 1933 unter dem Namen „L'Esprit des Marolles“ (dt. der Geist der Marollen) eingeweiht. Man erahnt Silhouetten karikierter Figuren aus der Brüsseler Folklore: Zot Lowietche (dt. in etwa „Der verrückte Ludwig“), der Piot (der Soldat), seine Krotche (gute Freundin), der Pottezoeiper (der Säufer), die Schwägerin von Kikei und der Zinneke (der Mischling),...

    Luftschutzbunker unter dem Place du Jeu de Balle

    Wussten Sie, dass sich unter dem berühmten Flohmarktplatz Place du Jeu de Balle ein ehemaliger Luftschutzbunker befindet? Er wurde 1942 im Zweiten Weltkrieg erbaut und bot den Bewohnern der Marollen Schutz vor den Luftangriffen. Der völlig in Vergessenheit geratene Bunker wurde 2014 von den Bewohnern wiederentdeckt, als die Stadt Brüssel hier eine Tiefgarage bauen wollte.  Nach langem Hin und Her und auf Initiative der engagierten Anwohner hin wurde er unter Denkmalschutz gestellt. Der Bunker erstreckt sich über eine Fläche von 175m² (35 m x 5 m) und besteht aus zwei Teilen, einem für Männer und einem für Frauen. Einzige Ausstattung sind Toiletten und Bänke. Derzeit sind keine Besuche möglich.

    © Forbidden Places - Sylvain Margaine

    Die Schlacht der Marollen

    La bataille des Marolles (dt. die Schlacht der Marollen) ist ein belgischer Dokumentarfilm im Stile des „cinéma-vérité“ aus dem Jahr 1969 von Pierre Manuel und Jean-Jacques Péché. Er schildert den Kampf der Marollen-Bewohner gegen die drohende Enteignung im Zuge der Erweiterung des bereits sehr imposanten Justizpalastes. Tatsächlich erhielten die Eigentümer von 3 Häuserblocks seinerzeit ein offizielles Schreiben, in dem sie über den Abriss ihrer Häuser informiert wurden. Eine Zwangsräumung? Doch da hatten die Zuständigen die Rechnung ohne den rebellischen Geist der Bewohner des Viertels gemacht. Es folgte ein Kampf wie David gegen Goliath, angeführt von dem Pfarrer Jacques van der Biest (1919-2016), bekannt für sein Engagement in den Arbeitervierteln. Die Bewohner organisieren sich, kämpften mit allen Mitteln (Plakaten, Demonstrationen, Aufrufen,...) und gewannen am Ende den Prozess gegen die Bauträger.

    © Extrakt "La bataille des Marolles", Sonuma - Les archives audiovisuelles

    Das Fuse

    Und mitten in diesem historischen Viertel thront der mythische Techno-Tempel Fuse. Anfang der Neunzigerjahre schloss El Disco Rojo – die berühmte Latino-Disco der Marollen – ihre Pforten. Kurz darauf ergriffen drei Freunde die Chance und eröffneten an gleicher Stelle einen neuen Techno-Club: das Fuse, das sich seitdem durch sein hochkarätiges Programm auszeichnet. Seit mehr als 25 Jahren begeistert der Club mit einem gelungenen Mix aus internationalen Stars und jungen belgischen Talenten. Dave Clarke, Daft Punk, Laurent Garnier, Nina Kraviz, Ellen Allien, Jeff Mills, Carl Craig, Carl Cox aber auch Charlotte de Witte, Amelie Lens, The Subs,... gaben sich hier bereits die Ehre. Das Fuse ist zudem Schauplatz der weit über die belgischen Grenzen bekannten Gay-Party La Démence. Der Ort hat in der Szene zwar Weltruhm erlangt, ist aber keineswegs elitär oder abgehoben, bester Beweis hierfür ist Conchita, die Toilettendame des Clubs, die seit knapp 20 Jahren mit einem freundlichen Lächeln ihren Dienst versieht.

    © Djesper