Victor Horta und Brüssel

Victor Horta wurde 1861 in Gent geboren. Sein Vater, ein Schustermeister, vermachte ihm nicht nur seine Liebe zu guter Arbeit, sondern auch sein enormes Durchhaltevermögen. Horta war ein Perfektionist wie er im Buche steht, der sich an manchen Tagen nur drei Stunden Schlaf gönnte.

Seine ursprüngliche Leidenschaft galt der Musik. Er studierte zunächst Geige am Musikkonservatorium, von dem er jedoch  ausgeschlossen wurde. Welch eine glückliche Wendung, denn nun nahm er sein Architekturstudium auf... !

Victor Horta zog 1878 nach Brüssel und besuchte dort die Kunstakademie Académie des Beaux Arts. Nebenbei arbeitete er, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Der Architekt Alphonse Balat, dem wir die majestätischen Gewächshäuser von Laeken verdanken, stellte ihn in seinem Atelier an - wofür ihm Horta bis an sein Lebensende dankbar war.

Im Cinquantenaire-Park gestaltete er zunächst einen Pavillon, der die monumentale Skulptur „Die menschlichen Leidenschaften“ von Jef Lambeau beherbergen sollte. Kurz darauf beauftragten ihn die beiden Freimaurer Eugène Autrique und Emile Tassel mit dem Bau zweier Herrenhäuser. Victor Horta war am Ziel seiner Träume: Beim Entwurf der Bauwerke ließ man ihm vollkommen freie Hand. Und so bediente er sich seines eigenen Stils, bei denen er die großen Prinzipien seiner Kunst zur Anwendung brachte: rationelle Anteile und Kraft, aber auch Schönheit und Wohnlichkeit.

Dies war der Beginn einer langen Serie von architektonischer Meisterwerke, die Brüssel teilweise bis heute mit neuartigen Raumkonzepten und lichtdurchfluteten Glaskonstruktionen überzieht – das Gegenteil von Banalität.

Eine neue Kunstform entsteht - der Jugendstil

Dem kreativen Geist Hortas lag ein überaus eigensinniger Charakter zugrunde. Zu seinen Prinzipien zählte die Weigerung, „in Mode“ zu sein, um neue Moden zu erschaffen. Aufgrund seiner kompromisslosen Ansichten und seiner Scharfzüngigkeit qualifizierte man ihn teilweise als „archisec“ (dt. staubtrocken). Immer wieder verteilte er Rundumschläge gegen die Architekturstile mit dem Präfix Neo-, die seiner Meinung nach nichts weiter als alten Wein in neuen Schläuchen servierten.

Die bis dahin üblichen großflächigen Steinmauern der Fassaden ersetzte er durch Kunstschmiedearbeiten. Die rigiden Formen wichen den Schnörkeln und Arabesken, während Fauna und Flora die Balkone und Fenster eroberten.Und wenn sich der Einsatz von Stein einmal als unumgänglich erwies, sorgte er dafür, dass die Granitschneider ihm fließende und abgerundete Formen verliehen.

Als Krönung seiner Arbeit weitete Victor Horta seine künstlerische Vision auch auf Möbel, Metallbeschläge, Tapisserien und dekorative Gegenstände aus.

Doch der Jugendstil würde nur von kurzer Dauer sein, obwohl er sich in weiten Teilen Europas ausgebreitet und sowohl Architektur als auch plastische Künste revolutioniert hatte. Die Geometrie, die bereits die Formen des Art déco ankündigte, verlangte mehr und mehr nach ihrem Recht und führte eine neue Harmonie ein. Auch hier erwies sich Victor Horta als großer Meister, auch wenn diese Partie seines architektonischen Werks etwas weniger bekannt ist.

Der Wendepunkt einer Karriere

Während des 1. Weltkriegs verbrachte Victor Horta vier Jahren im Exil in den USA. Bei seiner Rückkehr nach Brüssel war er in großen finanziellen Schwierigkeiten und machte sich alsdann emsig ans Werk.

Es waren nun gänzlich andere Auftraggeber, die sich an ihn wandten und ihm große Baustellen anvertrauten: die Musées des Beaux Arts in Brüssel und in Tournai, das Krankenhaus Hôpital Brugman, der Palais des Beaux-Arts und der Bahnhof Gare Centrale in Brüssel, der belgische Pavillon d’Honneur bei der Pariser Weltausstellung 1925 und der Palais de la Société des Nations in Genf. Diese Großaufträge machten Horta gewissermaßen zum belgischen Nationalhelden: Er wurde mit der Auszeichnung der Légion d’Honneur geehrt und 1932 verlieh ihm der belgische König Albert I. den Titel des Barons.

Trotz der einhelligen Anerkennung waren Hortas letzte Lebensjahre von düsteren Gedanken geprägt: Horta bedauerte es, seine Werke nicht veröffentlicht zu haben und traf die ebenso paradoxale wie auch traurige Entscheidung, einen Großteil seiner Archive und Zeichnungen zu zerstören. Seine 1939 verfassten Memoiren geben zum Glück wenigstens einen kleinen Einblick in die großen Ideen und das bewegte Leben dieses genialen Architekten, der am 8. September 1947 verstarb.

Quelle „Mémoires“ von Victor Horta und die wertvollen Informationen von Françoise Aubry, Konservatorin des Musée Horta in Brüssel.

  • Musée Horta

    Das Musée Horta befindet sich in dem privaten Wohnhaus und dem Atelier des Architekten Victor Horta (1861-1947). Die beiden 1898 bzw. 1901 erbauten Gebäude sind typisch für die Blütezeit des Jugendstils.

  • Maison Autrique

    Das Maison Autrique war das erste Gebäude aus der Feder Victor Hortas und wurde renoviert und mit einer fantastischen Inszenierung der Szenaristen und Zeichner Schuiten und Peetres versehen.

  • Pavillon des Passions Humaines

    Das eindrucksvolle Basrelief de Jef Lambeaux (1852 - 1908) : "Les Passions humaines" aus Carrara-Marmor. Der ursprüngliche Name des Werks lautete "Le calvaire de l'humanité" (dt. Das Martyrium der Menschheit)!

  • Belgisches Comic-Zentrum CBBD

    Ein Besuch im Belgischen Comic-Zentrum lohnt gleich doppelt: eine architektonische Entdeckung des ehemaligen Kaufhauses Waucquez mit seinen weiträumigen und lichtdurchfluteten Sälen und ein origineller "Inhalt" - Ausstellung rund um das Comic-Thema.

  • Bozar

    Konzertsaal. Der Palais des Beaux Arts und sein legendäre Konzertsaal Henri Le Boeuf heißen regelmäßig klassische Konzerte und andere prestigeträchtige Aufführungen willkommen.
     

  • Hotel Solvay

    Dieses luxuriöse Anwesen wurde 1894 von Victor Horta für die Familie Solvay erbaut. Dem Architekten wurde dabei vollkommen freie Hand gelassen. Er gestaltete sowohl das Gebäude als auch das Interieur und das Mobiliar bis ins kleinste Detail.

  • Hôpital Brugmann

    Place Van Gehuchten 4 / 1000 Brüssel
    Tel: 02 477 21 11

  • Tassel

    Das Hôtel Tassel ist UNESCO-Weltkulturerbe und vereint in sich alle ästhetischen und praktischen Besonderheiten des Jugendstils...

  • Van Eetvelde

    Van Eetvelde, Generalsekretär im Kongo, beauftragte Victor Horta 1895 mit dem Bau seines Hauses.

  • Hallet

    Ein Gebäude aus dem Jahr 1904, das nach den Plänen von Victor Horta erbaut wurde. Besonderheit ist die besondere Komposition der Farben...